Betriebsbericht: GGP, Rostock-Markgrafenheide

Champignons anthroposophisch

Mit einem fast anthroposophischen Ansatz produziert die Gesellschaft für Gesundheit und Pädagogik (GGP) im Rostocker Ortsteil Markgrafenheide Champignons. Hinter dem sperrig anmutenden Namen der Gesellschaft verbirgt sich eine Organisation, die psychisch erkrankten Menschen die Wiedereingliederung ins normale Leben und in die Arbeitswelt ermöglichen will. Eine Station auf dem oft langen Weg nach einer seelischen Erkrankung ist die Arbeitstagesstätte in der Markgrafenheide. Die liegt fast idyllisch in einem kleinen Wald, der von breiten Straßen durchzogen ist, an denen Bunker liegen. Die Bäume dienten vor allem der Tarnung des Militärgeländes, das als solches rund 100 Jahre genutzt wurde – heute bietet der Wald den kreativen Mitarbeitern der GGP viele Möglichkeiten für die Beschäftigung der ihnen anvertrauten Menschen. Arbeit unter Zeitdruck und im Sinne einer möglichst hohen Produktivität ist im Unternehmen nicht gefragt, das machte Thomas Uckermark, Referent der Geschäftsführung bei der GGP, bereits in seiner einleitenden Vorstellung im Rahmen der 66. Jahrestagung des Bundes Deutscher Champignon- und Kulturpilzanbauer e.V. (BDC) in Rostock klar. Im Mittelpunkt aller Überlegungen des Unternehmens steht der Mensch, der auf dem Weg seiner Genesung und Wiedereingliederung sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben kann.

Bereits von 1996 bis 1998 wurden in 12 Bunkern im Monat 4t Champignons produziert, doch dieser Zweig des Unternehmens, das keinen wirtschaftlichen Gewinn erzielen muss, passte wegen des hohen logistischen Aufwandes und des oft hohen Zeitdrucks bei der Produktion nicht ins Profil und wurde deshalb aufgegeben. 2013 wurde die Idee, Champignons zu produzieren, wieder aufgenommen. Heute werden in zwei Bunkern auf insgesamt 162m² Fläche weiße und braune Champignons aus fruktifizierten Kisten geerntet. Die Kisten kommen vom Pilzhof Wallhausen. Die Pilze werden vorwiegend über regionale Großhändler sowie im eigenen kleinen Hofladen vermarktet. Die Produktion aus der Region ist mittlerweile sehr gefragt, doch der einzige Produzent von Champignons in Mecklenburg-Vorpommern kann aus oben genannten Gründen seine Produktion nicht aufstocken – in den Bunkern werden die Kisten sogar weiter gestellt als in einem kommerziell ausgerichteten Betrieb üblich. Nur wenn in den Räumen genug Platz vorhanden ist, können sich die Mitarbeiter frei und ohne große Einschränkungen bewegen oder sich auch einmal bei der Ernte aus dem Weg gehen. Sieben Mitarbeiter und 24 Klienten, so heißen die bei der GGP beschäftigten Menschen, arbeiten in der Produktion. Die umfasst von der Ernte über die Verpackung bis hin zum Verkauf im Hofladen und dem Aufstellen und Entleeren der Kulturkisten alle Arbeitsschritte. Der Ansatz im Umgang mit den Klienten und die Rücksichtnahme auf ganz persönliche Vorlieben und Abneigungen gehört bei der GGP zum Alltagsgeschäft. Neben der Champignonkultur bietet das kreative Team der Gesellschaft noch verschiedene andere Arbeiten im Wald an. Dazu gehört seit neuestem auch die Kultur von Shiitake auf Birken- und Buchenholz unter freiem Himmel. Die ersten Pilze standen im Herbst zur Ernte an. Dabei nimmt man bewusst in Kauf, dass man sich hier praktisch in der freien Natur befindet, und dass auch Tiere wie Schnecken Gefallen am neuen Angebot im Wald finden. Imkerei, der Anbau von Wildobst, Gemüse auf Hochbeeten oder die Kaminholzproduktion sind weitere Angebote an die Klienten.

Der deutlich andere Ansatz bei der Mitarbeiterführung ließ viele Teilnehmer der BDC-Jahrestagung am Samstagmorgen sehr aufmerksam zuhören. „Im Sinne unseres humanistischen Menschenbildes sind wir kreative und engagierte Partner und Berater“, heißt es in der Präambel der GGP. Beim Besuch in der Markgrafenheide stellte sich das gesamte Team als sehr herzlich und offen für neue Anregungen heraus. Und dass auch die Norddeutschen etwas von Gastfreundschaft verstehen, bewiesen die Rostocker ebenfalls eindrucksvoll mit teilweise selbstproduzierten Säften und Suppen. Wer sich hier hungrig auf den Heimweg machte, war selbst schuld. Und wer diese vermeintlich uninteressante Betriebsbesichtigung – weil eben keine klassische Produktion gezeigt wurde – ausgelassen hat, hat den einen oder anderen neuen Denkansatz in Sachen Mitarbeiterführung leider nicht erfahren können.

Text und Bilder: Christiane James, Straelen

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